08.05.2016

„…wie viele bäume werden gefällt, wie viele wurzeln gerodet in uns“: Lesung mit Reiner Kunze in Czernowitz

Das Czernowitzer Publikum weiß Literatur zu schätzen. Davon konnten wir uns während der Lesung mit Reiner Kunze überzeugen, die am 26. April im Kunstmuseum stattfand. Der Saal war voll, vor allem mit jungen Leuten, was den Autor besonders berührt hat.

Die Lesung moderierte der Literaturwissenschaftler, Prof. Petro Rychlo. Seinen Übersetzungen verdanken wir die Möglichkeit, die Gedichte von Kunze auf Ukrainisch lesen zu können. Es wurde eine zweisprachige deutsch-ukrainische Erstausgabe „sensible wege“ präsentiert, die im Czernowitzer Verlag „Knyhy - XXI“ erschienen ist. Dieser Lyrikband ist besonders, weil er außer Gedichten auch Bilder einer Künstlerin aus Berlin, Helga von Löwenisch, beinhaltet, die bei der Lesung auch präsent war.

Die Poesie von Reiner Kunze war den ukrainischen Lesern kaum bekannt. Während der Lesung betonte der Autor, dass er sich sehr freut, jetzt auch ein Buch mit ukrainischen Übersetzungen zu haben, und dass es sehr viel für ihn bedeutet, da er sich sehr klar auf der Seite der Ukraine positioniert.

„Dieses Buch sollte mindestens vor einem Vierteljahrhundert erschienen sein“ – mit diesen Worten begann Petro Rychlo die Veranstaltung und erzählte über den schweren Lebensweg des Autors. Reiner Kunze kämpfte viele Jahre mit seinem Werk gegen das totalitäre Regime, das in der damaligen DDR herrschte. Das Haus von ihm wurde Tag und Nacht observiert, seine Frau und seine Tochter wurden erpresst. Die Lyrikbände des Autors hatten nur wenige Auflagen und schon bald wagte sich kein DDR-Verlag mehr, seine Bücher herauszugeben. Sein Roman „Die wunderbaren Jahre“ wurde als „staatsfeindliche Hetzschrift“ eingestuft. Er wurde aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. Nach diesen Erreignissen und wegen der Sicherheit der Familie  stellte Reiner  Kunze einen Antrag auf Ausweisung aus der DDR, der erstaunlich schnell genehmigt wurde. Seitdem wohnt der Autor im  niederbayerischern Obernzell-Erlau.

Die Gedichte von Reiner Kunze haben eine kurze Form, beinhalten aber vielsagende Bilder. Die Lesung in Czernowitz elektrisierte das Publikum, gebannt lauschte es jedem Wort des Autors. Nach der Lesung konnte man sich noch mit dem Autor unterhalten und viele haben diese Gelegentheit genutzt. Am Tag nach der Lesung ist Reiner Kunze nach Deutschland zurück gereist. Doch das Buch mit seinen Gedichten ist uns geblieben, in dem wir wieder und wieder nachlesen und uns so inspirieren lassen können.

Zur Erinnerung an den schönen Abend mit Reiner Kunze in Czernowitz und für diejenigen, die das nicht live genießen konnten, gibt es ein kurzes Video zur Lesung.

Olha Kravchuk

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